Persönliche Meinungen eines Experten für Umwelt-Informatik (siehe auch www.eenergie.net/wiki)

Innovation: Oberes und unteres Stockwerk

Ulrich Schaaf  April 17 2014 20:23:01
Von Johann Nestroy gibt es ein Theaterstück "Zu ebener Erde und erster Stock" (Link Wikipedia). Darin wird eine verwickelte Geschichte zweier Mietparteien, eine reich (= oben) und eine arm (= unten) erzählt; zum Schluss bewirkt das Schicksal, dass die Parteien die Stockwerke tauschen.

Image:Innovation: Oberes und unteres Stockwerk
Szenenbild aus der Wiener Theaterzeitung (1835)

Dieses Bild trifft auf die Forschungslandschaft und die Innovation insgesamt zu, speziell aber auf die Energiewende!

Ich war früher im oberen Stockwerk tätig und habe viele Forschungsprojekte, gefördert von der EU oder vom Bund durchgeführt. Jetzt bin ich im unteren Stockwerk tätig, bei der Energiewende vor Ort. Je nach Standort pflegt man gern seine Vorurteile:

Oben:
  • Den Überblick haben die Koryphähen an den wissenschaftlichen Einrichtungen, den Forschungsbehörden und bei den großen Firmen.
  • Den kleinen und mittleren Unternehmen, den Handwerkern und ihren Kunden muss man helfen, damit die Innovation auch unten ankommt.
  • Dies muss man mit einem Beratungs- und Förderungsprogramm von staatlicher Seite her unterstützen.

Unten:
  • Die da oben haben alle keine Ahnung, was vor Ort wirklich gebraucht wird.
  • Alles nur bürokratische Belastung was die oben fordern, wenn etwas gefördert werden soll.
  • Am besten man verhält sich passiv zurückhaltend den staatlichen Steuerungsmaßnahmen gegenüber.

Und wie bei Nestroy: Die oben haben recht und die unten auch! Und Gute sowie Weniger-Gute gibt's oben und unten. Und nicht selten ziehen die von unten nach oben und umgekehrt!

Speziell auf die Energiewende bezogen:

Irrtümer oben:
  • Atomkraft:
    Die Stromkonzerne wollten sie gar nicht. Fühlten sich wohl in der Kohle. Da mussten massive Unterstützungen her, um die "friedliche Nutzung der Atomkraft" zu fördern.
  • Photovoltaik:
    Die Abnahmegarantien haben eine riesige Überproduktion verursacht. (Wie seinerzeit in der Landwirtschaft!) Der Stromabfall muss im europäischen Übertragungsnetz vernichtet werden.
  • Erneuerbare Energien Gesetz (EEG):
    Staatliche Planung soll es jetzt richten mit Ausbaukorridoren. Ein grausiges Arsenal von zentraler Planung!
  • Der Staat braucht ein Konzept für die Energiewende:
    Wer bitte soll denn die Marktentwicklung voraussehen? Der weise, verordnungsmächtige Staat mit seinen Bundesagenturen, Förderbanken und Kartellbehörden? Rahmenbedingungen setzen: JA! Technikvorgaben: NEIN!
  • Die Handwerker können es nicht, man braucht staatliche Beratung:
    Tatsächlich wird die Energiewende von den Handwerkern und den Firmen, die sie beliefern angetrieben, z.B. Heizkessel- oder Wärmepumpenbauer.

Irrtümer unten:
  • Wir tun nur was, wenn der Staat zahlt:
    Diese Fördermentalität der Kunden ist ein großer Hemmschuh für praktische Innovation, die vor Ort entsteht.
  • Wir brauchen keine Beratung:
    Man lehnt Neuerungen ab, weil sie aus der Bürokratie von oben kommen. Konsequente Fortbildung wird vermieden.
  • Denken in alten Mustern:
    Die klassischen Gewerke und Auftragsverhältnisse werden nicht in Frage gestellt. Dabei verlangen zunehmende Spezialisierung und wachsende technische Komplexität nach neuen Formen der Planung und Zusammenarbeit. Die größten Chancen der Energiewende entstehen durch Kooperation!
  • Fehler dürfen nicht vorkommen:
    Wenn jemand etwas Neues macht und es passiert ein Fehler, dann wird dieser möglichst vertuscht oder die ganze Idee kommt in Verruf. Eine offenere Haltung und der Mut, Fehler zu erörtern, wären ausschlaggebend für eine größere Innovationsgeschwindigkeit.
  • Eine bestimmte Technik wird die Probleme lösen:
    Jeder kennt seine Lieblingstechnik und nur die bringt die Problemlösung. Die technische Innovation läuft auf Hochtouren und niemand kann die Entwicklung in allen Einzelheiten voraussehen. Das Warten auf eine bessere Technik mag im Einzelfall sinnvoll sein; wenn Neuerungen anstehen soll man aber die heute beste Technik auswählen!
Mehr Durchlässigkeit und Austausch zwischen den Stockwerken würde Neuerungen auf die Sprünge helfen!


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